Heldenplatz in Wien: Wer sind eigentlich unsere Helden?

Am Nationalfeiertag füllen Zehntausende den Wiener Heldenplatz. Seinen Namen verdankt der Platz zwei Reiterdenkmälern, jenen für Erzherzog Karl und Prinz Eugen. Bertolt Brecht hätte vor ihren Sockeln eine einfache Frage gestellt: Siegte der Feldherr allein oder hatte er nicht zumindest einen Koch dabei? Grund genug die Helden-Verehrung einmal kritisch zu betrachten.

EIN HELD HOCH ZU ROSS ? - oder lediglich ein Feldherr, der aus sicherer Entfernung Schach mit lebenden Figuren spielte? Foto: Chris Ernst, Redaktionsnetzwerk PR1, Wien

Brecht und der Koch des Feldherrn

Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?

Berthold Brecht

Mit diesen Versen beginnt Brecht 1935 sein Verhör der Geschichte. Ein Arbeiter liest von Eroberungen und stellt die Frage, über die jedes Schulbuch hinwegblättert: Wer leistete die Arbeit neben dem Feldherrn? Die Antwort liegt zwischen den Zeilen. Die Geschichtsschreibung meißelt den Namen des Siegers in Stein. Koch, Soldat und Träger versinken im Staub der Marschkolonnen, und ihr Lohn ist die Namenlosigkeit.

Brechts Spott zielt auf eine Erzählung, die Geschichte als Werk einzelner Männer begreift. Ein Feldherr ohne Heer ist ein Reiter auf leerem Feld. Erst Tausende Hände verwandeln seinen Befehl in einen Sieg.

HELDENPLATZ WIEN - die ikonische Reiterpose ist beeindruckend. Wie Heldenhaft war der Feldherr wirklich. Foto: Chris Ernst, Redaktionsnetzwerk PR1, Wien

Was einen Helden ausmacht

Ein Held ist nach allgemeiner Definition ein Mensch, der außergewöhnliche Tapferkeit, Opferbereitschaft oder Selbstlosigkeit zeigt. Er handelt zum Wohl anderer und begibt sich dafür in Gefahr. Seine Tat überragt den Alltag, denn sie verlangt Mut und Verantwortungsbewusstsein. Der Begriff stammt aus dem Griechischen. Ursprünglich bezeichnete er einen Halbgott oder einen Krieger, der sich durch besondere Leistung hervortat.

Legt man diese Messlatte an, verschiebt sich der Blick. Heldentum entsteht dort, wo ein Mensch das eigene Leben einsetzt. Der Infanterist in der vordersten Linie erfüllt diese Bedingung mit jedem Schritt. Der Befehlshaber mag ebenso Mut beweisen, sein Amt ist jedoch das Kommando. Führung ist eine Leistung, Tapferkeit eine andere. Die Definition fragt nach dem persönlichen Wagnis, nach dem Risiko für Leib und Leben.

Feldherren auf dem Sockel

Auf dem Heldenplatz erheben sich zwei Reiterdenkmäler, beide aus der Hand von Anton Dominik Fernkorn: Erzherzog Karl, enthüllt 1860, und Prinz Eugen von Savoyen, enthüllt 1865. Karl siegte 1809 bei Aspern gegen Napoleon. Eugen führte Feldzüge gegen die Osmanen. Beide waren Feldherren, beide kommandierten Armeen. Die Last der Schlachten schulterten ihre Soldaten.

Die Denkmäler feiern den Befehlshaber hoch zu Ross. Koch, Reiter und Infanterist bleiben unsichtbar, in der Bronze so namenlos wie in den Chroniken. 1878 erhielt der Platz den Namen Heldenplatz. Damit erhob die Stadt zwei Feldherren zu Helden und überging jene, nach denen Brechts Arbeiter fragt.

Am Nationalfeiertag versammeln sich hier Zehntausende. Das Bundesheer zeigt sein Gerät, Rekruten legen ihr Gelöbnis ab. Unter den Hufen der bronzenen Pferde stehen sie in Reih und Glied, die Köche, Fahrer und Infanteristen von morgen. Sie geloben Treue zur Republik, und über ihnen thronen die Feldherren. Brechts lesender Arbeiter fände auf diesem Platz seine Antwort: Der Koch steht in der ersten Reihe, und das Denkmal blickt über ihn hinweg.

Der Heldenplatz bleibt ein Versammlungsplatz der Republik. Seine Helden stehen auf dem Pflaster.

Chris Ernst

Chris Ernst, freier Journalist und Publizist zwischen Wien, Hamburg und Madrid. Mitglied im Österreichischen Journalisten Club (ÖJC). Seit 1995 im Journalismus, mit den Schwerpunkten Politik, Tourismus, Wirtschaft, Identität und Sicherheit.

https://www.pr1.at
Weiter
Weiter

EIN HAUCH KAISERZEIT - Wenn in Wien der Amtsschimmel wiehert