EIN HAUCH KAISERZEIT - Wenn in Wien der Amtsschimmel wiehert

Eine Wiener Amtsposse zu Allerheiligen in drei Akten

von Chris Ernst

Wie aus einer simplen Bitte um einen Schlüssel ein bürokratischer Staatsakt wurde, eine journalistische Intervention Bewegung in die Hofkanzlei brachte und am Ende ausgerechnet zu Halloween die Bürgernähe von den Toten auferstand.

AMTLICHER BESCHEID im gestelzten Kurialstil eines k.u.k.-Beamten der Hofkanzlei. Illustration: Redaktionsnetzwerk PR1, KI-generiert

Eigentlich wollten wir eine Reportage über ein beinahe vergessenes Stück Wiener Friedhofsgeschichte schreiben: den Gräberhain im Waldmüllerpark, ein kleines, stilles Kleinod, das vom einstigen Matzleinsdorfer Friedhof übriggeblieben ist, nachdem die großen Wiener Friedhöfe im Zuge der Neuordnung des Bestattungswesens im 19. Jahrhundert vom Zentralfriedhof abgelöst wurden. Dass ausgerechnet dieser bescheidene Überrest der Vergangenheit uns statt einer Geschichte über die Toten eine über die Untoten des Wiener Amtswesens bescheren würde, ahnten wir da noch nicht.

ERSTER AKT – DER AMTSSCHIMMEL WIEHERT

Der Wiener Zentralfriedhof ist ein Ort der Superlative. Rund drei Millionen Menschen ruhen auf fast zweieinhalb Quadratkilometern, mehr als auf jedem anderen Friedhof Europas. Größer als das Fürstentum Monaco. Eröffnet wurde er am 1. November 1874, an einem Allerheiligentag. Unsere Reportage zum Fest der Toten führt selbstverständlich dorthin. Abrunden wollten wir sie mit dem Gegenstück zur monumentalen Totenstadt: einem kleinen, unscheinbaren Ort des Gedenkens.

ZENTRALFRIEDHOF WIEN, mehr als 3 Millionen Menschen liegen hier bestattet. Die Fläche ist größer, als das Fürstentum Monaco. Foto: Chris Ernst, Redaktionsnetzwerk PR1, Wien

Im Waldmüllerpark in Favoriten liegt hinter einem grünen Gitterzaun der Gräberhain. Rund hundert historische Grabmäler erinnern an den einstigen katholischen Friedhof von Matzleinsdorf, der in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts einer Parkanlage weichen musste. Allerheiligen intim, abseits der Massen, im Schatten alter Bäume.

Das Tor ist versperrt. Am Zaun hängt eine grüne Tafel. Darauf steht in erfreulich unbürokratischer Klarheit: „Gräberhain Waldmüllerpark – Schlüssel leihweise erhältlich“. Darunter eine E-Mail-Adresse der Magistratsabteilung 42, der Wiener Stadtgärten.

Eine ebenso einfache wie sympathische Botschaft. Wer hineinmöchte, kann sich einen Schlüssel ausleihen.

Man könnte meinen, die Sache sei damit geklärt.

SCHLÜSSEL leihweise erhältlich - so begann die Reise in die Wiener Bürokratie-Hochburg. Foto: Chris Ernst, Redaktionsnetzwerk PR1, Wien

Eine Bitte und ein Bescheid

Wir haben geschrieben. Freundlich, knapp, organisatorisch. Wir erklärten, dass wir eine Reportage zu Allerheiligen vorbereiten, am Donnerstag- oder Freitagabend einige Fotos machen möchten, den Schlüssel am Donnerstagnachmittag abholen und spätestens am folgenden Werktag zurückbringen würden.

Dazu eine einzige Frage: Wo und bei wem liegt der Schlüssel bereit?

Nochmal: Keine Filmproduktion mit hundert Statisten. Keine Großveranstaltung. Keine Baumbeleuchtung, kein Bühnenaufbau, kein Staatsbesuch. Ein Journalist, eine Kamera, ein paar Minuten zwischen den historischen Grabmälern. Und eben dieser eine Schlüssel.

Die Antwort der Magistratsabteilung kam noch am selben Tag. Das verdient Anerkennung. Die Wiener Verwaltung kann schnell sein. Leider offenbar nur dann, wenn es darum geht, eine Frage zu beantworten, die niemand gestellt hat.

Der Absender war nicht etwa die Stelle, die den Schlüssel verwaltet, sondern das Referat Veranstaltungskoordination. Schon die Anrede ließ ahnen, dass wir die Welt des unkomplizierten Menschenverstands verlassen hatten:

„Sehr geehrte Antragstellerin! Sehr geehrter Antragsteller!“

Aus einem Menschen mit einer schlichten organisatorischen Frage war binnen weniger Stunden ein geschlechtsneutral doppelt adressierter Verwaltungsfall geworden. Mit zwei Ausrufezeichen!!

Weil die „mindestens 4-wöchige Anmeldefrist“ für Fotoaufnahmen verstrichen sei, könnten die Wiener Stadtgärten „Ihrem Ansuchen daher nicht nähertreten“.

Nicht nähertreten.

Welch wunderbares Wort. Man sieht förmlich den Beamten, der aus sicherer Entfernung auf das Anliegen blickt, die Nase rümpft, den Akt mit zwei Fingern anhebt und beschließt, ihm lieber nicht näherzutreten. Vielleicht ist das Anliegen ansteckend. Vielleicht enthält es eine Frage, die man tatsächlich beantworten müsste.

Es folgten der Verweis auf ein Onlineformular für Veranstaltungen, Grundbenützungen und Baumbeleuchtungen, die Forderung nach einem genauen Lageplan, ein Vertrag, der bis zur „beiderseitigen Unterfertigung“ kostenfrei bleibe, und der Rat, sich für weitere Genehmigungen an die „zuständigen Stellen“ zu wenden.

Ein beeindruckendes Arsenal administrativer Abwehrmaßnahmen. Man hätte meinen können, wir planten die Errichtung einer mehrstöckigen Veranstaltungshalle zwischen den Grabsteinen.

Nur eines fehlte im gesamten Schreiben: der Schlüssel.

Ebenso fehlten der Gräberhain, Allerheiligen und die Antwort auf jene Frage, die wir tatsächlich gestellt hatten: Wann und wo bekommen wir den avisierten Schlüssel?

Dafür hatten wir jetzt erfahren, dass auch Baumbeleuchtungen einer behördlichen Ordnung unterliegen. Eine Erkenntnis, die unser journalistisches Leben zweifellos bereichert.

Ein Wiedersehen mit der MA 2412

Wer in Österreich ferngesehen hat, kennt diesen Ton. Um die Jahrtausendwende, von 1998 bis 2002, zeigte der Österreichische Rundfunk mit „MA 2412“ – MA steht für alle Nicht-Wiener für „Magistratsabteilung“ – ein Amt für Weihnachtsdekoration. Roland Düringer und Alfred Dorfer verkörperten dort eine Verwaltungskultur, deren höchste Kunst darin bestand, jedes Anliegen so lange zu bearbeiten, bis davon nichts mehr übrigblieb.

Damals haben wir darüber gelacht.

2026 erleben wir die Fortsetzung. Diesmal ohne Drehbuch, ohne Schauspieler und vor allem ohne die tröstliche Gewissheit, dass es sich bloß um Satire handelt.

Denn die eigentliche Pointe dieser Amtsposse ist nicht, dass eine Behörde ein Formular verschickt. Formulare haben ihre Berechtigung. Auch Genehmigungen können notwendig sein. Die Pointe besteht darin, dass die Verwaltung offenbar nicht mehr zwischen einem Anliegen und jenem Verfahren unterscheiden kann, in das sie es am liebsten hineinpressen möchte.

Man fragt nach einem Schlüssel. Die Behörde hört „Fotoaufnahmen“. Fotoaufnahmen bedeuten Verfahren. Verfahren bedeuten Fristen. Fristen bedeuten Zuständigkeiten. Zuständigkeiten bedeuten Formulare. Und irgendwo auf diesem langen, ehrwürdigen Weg verschwindet der Schlüssel. Gab es da nicht einmal eine entsprechende Odyssee bei Asterix: Die Jagd nach dem ominösen Passierschein A38 („Asterix erobert Rom“, 1976)?

Das ist die große Kunst des verstaubten Behördentums: Es löst nicht das Problem. Es verwaltet dessen Existenz.

Und das mit einer Würde, als hinge das Schicksal der Republik daran.

Die Sprache der längst verblichenen Obrigkeit

Was hier Ausdruck findet und wenig Eindruck macht, ist eine beinahe tote Sprache. Die Linguistik kennt dafür den Begriff Kurialstil: jene steife, umständlich-gestelzte Schreibweise der Hofkanzleien, mit der eine Obrigkeit der k.u.k.-Dynastien zu ihren Untertanen sprach.

Wer „einem Ansuchen nähertritt“, thront oben. Wer ansucht, wartet unten.

Das klingt nach einer Epoche, in der Untertanen ehrerbietig ihre Hüte zogen, bevor sie um die Erlaubnis baten, überhaupt eine Frage stellen zu dürfen.

Dabei haben sich die Verhältnisse längst umgekehrt. Die Verwaltung ist kein Gnadenhof der Obrigkeit, sondern eine aus öffentlichen Mitteln finanzierte Dienstleistungseinrichtung. Ihre Mitarbeiter sind nicht die Herren über den Bürger, sondern mit der Erfüllung öffentlicher Aufgaben betraut.

Das ist keine revolutionäre Forderung. Es ist das Grundverständnis einer modernen Verwaltung.

Umso bemerkenswerter, wenn sich hinter zeitgemäßen Internetauftritten und freundlichen Informationsschildern ein Amtsverständnis konserviert, das offenbar noch immer an die selige Zeit der Hofkanzlei glaubt.

Der Bürger wird zum Antragsteller. Der Journalist zum Bittsteller. Die Frage zum Ansuchen. Der Schlüssel zum Verwaltungsakt.

Und aus einer Auskunft wird eine Audienz, die mangels rechtzeitiger Anmeldung leider nicht gewährt werden kann.

Ausgerechnet am Gräberhain, einem Ort der Toten, antwortet die Behörde in einer Sprache, die selbst längst auf den Friedhof der Verwaltungsgeschichte gehört.

Der Unterschied: Die historischen Grabsteine sind wenigstens sehenswert.

Der Maßstab: ein bürgernahes Servicecenter

Eine Stadtverwaltung dient den Bürgern. Sie soll ermöglichen, erklären, unterstützen und dort, wo rechtliche Grenzen bestehen, diese verständlich darlegen. Auch gegenüber der Presse, die im öffentlichen Interesse berichtet. Ihr Anspruch lässt sich an vier einfachen Kriterien messen.

Verständnis. Ein Servicecenter liest, was gefragt wird. Gefragt war nach einem Schlüssel, den die Stadt selbst auf einer Tafel ausdrücklich zur Ausleihe anbietet. Beantwortet wurde ein vermeintlicher Genehmigungsantrag, den wir in dieser Form gar nicht gestellt hatten.

Art. Ein Servicecenter spricht mit Menschen. Die Antwort sprach zu „Antragstellern“, in Formeln aus einer längst vergangenen Verwaltungsepoche. Eine Sprache, die Distanz schafft, Hierarchien zelebriert und Verantwortung so lange zwischen Referaten verteilt, bis sich niemand mehr zuständig fühlen muss.

Inhalt. Ein Servicecenter liefert eine brauchbare Auskunft. Wir erhielten eine Frist, ein Formular, einen Vertrag und den Verweis auf andere Stellen. Wo der Schlüssel liegt, wissen wir bis heute nicht.

Bereitschaft. Ein Servicecenter will helfen. Es sucht nach einer Lösung, statt zuerst nach einem Grund zu suchen, warum eine Lösung nicht möglich sein könnte. Selbst wenn für journalistische Fotoaufnahmen tatsächlich eine besondere Genehmigung erforderlich gewesen wäre, hätte ein einziger zusätzlicher Satz genügt: „Den Schlüssel erhalten Sie bei folgender Stelle; für die geplanten Aufnahmen gelten allerdings bestimmte Voraussetzungen.“

Das wäre verständlich gewesen. Freundlich. Sachlich. Bürgernah.

Also gewissermaßen revolutionär.

Das hohe Ross und der kleine Schlüssel

Vielleicht liegt das eigentliche Problem tiefer als in einem unglücklich formulierten Antwortschreiben. Es ist eine Haltung, die aus manchen Amtsstuben nicht verschwinden will. Eine Haltung, die Bürgernähe gerne auf Hochglanz-Broschüren druckt, sie im konkreten Kontakt aber offenbar für eine Zumutung hält.

Sie erkennt im Bürger nicht den Auftraggeber öffentlicher Verwaltung, sondern zunächst eine potenzielle Störung des geregelten Betriebs. Einen Menschen, der etwas möchte. Der eine Frage stellt. Der womöglich sogar erwartet, eine Antwort zu bekommen.

Das ist natürlich gefährlich. Denn würde man einmal damit beginnen, Fragen einfach zu beantworten, könnte am Ende noch der Eindruck entstehen, die Verwaltung sei tatsächlich für die Menschen da.

Wo kämen wir da hin?

Also bleibt man lieber auf dem hohen Ross. Von dort oben sieht man zwar den kleinen Schlüssel nicht mehr, dafür aber die ganze majestätische Landschaft der Zuständigkeiten, Vorschriften und Fristen.

Das Ross ist alt, sein Sattel staubig, sein Reiter spricht Kurialdeutsch. Aber wenn es wiehert, dann mit der ganzen Autorität einer Institution, die ihre eigene Wichtigkeit niemals infrage stellen würde. Besonders bitter ist dabei, dass wir keine Sonderbehandlung verlangt haben. Wir wollten lediglich jenes Angebot in Anspruch nehmen, das die Stadt selbst öffentlich macht.

„Schlüssel leihweise erhältlich.“

Ein Satz, so einfach, dass man ihn kaum missverstehen kann.

Und doch hat es die Verwaltung geschafft, daraus ein bürokratisches Labyrinth zu errichten, an dessen Eingang offensichtlich eine Vierwochenfrist steht und an dessen Ausgang niemand weiß, wo der Schlüssel liegt.

ZWEITER AKT – WATERLOO IM WIENER AMTSZIMMER

Wenn der Preuße die Geduld verliert

An dieser Stelle hätte unsere Geschichte eigentlich enden können. Mit einem verschlossenen Tor, einem unbeantworteten Anliegen und einem Artikel über die erstaunliche Überlebensfähigkeit des obrigkeitlichen Amtsverständnisses.

Doch nach drei Jahrzehnten journalistischer Arbeit und politischem Dialog mit Behörden entwickelt man ein gewisses Gespür dafür, wann ein Vorgang tatsächlich an einer Vorschrift scheitert oder bloß an der Bereitschaft, über den Rand eines Formulars hinauszudenken.

Und irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man nicht mehr höflich an die Tür klopft, hinter der ohnehin niemand zuhören möchte.

Dann klopft man eine Etage höher. Vielleicht ist dies auch meinen Wurzeln geschuldet. Ich bin kein Wiener, sondern Deutscher, und irgendwie liegt mir Blücher näher, jener unkonventionelle Preuße, der sich mit Napoleon anlegte.

Die Kampfansage: höflich, aber unmissverständlich

Dem britischen Feldherrn Wellington wird der berühmte Ausspruch zugeschrieben:

„Ich wünschte, es wäre Nacht oder die Preußen kämen.“

Nun, vielleicht war es ein Rest preußischen Selbstverständnisses, der mich bewog, den Wiener Amtsschimmel nicht einfach ungestört weiterwiehern zu lassen.

Jedenfalls beschlossen wir, die Angelegenheit dorthin zu tragen, wo man die Verantwortung für Verwaltung nicht bloß verwaltet, sondern auch politisch zu vertreten hat.

Am Mittwoch, dem 28. Oktober 2026, um 15:46 Uhr ging eine E-Mail an die Kommunikationsverantwortlichen im Umfeld des zuständigen Wiener Stadtrats.

Betreff: „Presseanfrage PR1.at | Kontakt Stadtgartendirektion MA 42 | Frist 29.10.2026, 12 Uhr“.

Priorität: Hoch.

Kein Wutanfall. Keine Beschimpfung. Kein rhetorischer Säbelhieb unterhalb der Gürtellinie.

Sondern eine sachliche, präzise und für eine öffentliche Verwaltung durchaus unangenehme Frage: Wie kann es sein, dass eine ausdrücklich angebotene Schlüsselausleihe von einer Magistratsabteilung in ein vierwöchiges Genehmigungsverfahren verwandelt wird?

Und warum beantwortet man eine organisatorische Anfrage mit einer amtlichen Abfuhr, statt mit einer brauchbaren Auskunft?

Wir machten deutlich, dass die geplante Allerheiligen-Reportage inzwischen eine zweite Geschichte hervorgebracht hatte: eine über Bürgernähe, Verwaltungsverständnis und den Servicegedanken Wiener Behörden.

Vor der Veröffentlichung wollten wir der Leitung der MA 42 selbstverständlich Gelegenheit zur Stellungnahme geben.

Wir ersuchten um die Kontaktdaten der Stadtgartendirektion, der zuständigen Presseverantwortlichen und um Klärung des Kommunikationswegs zum Büro des politisch zuständigen Stadtrats.

Mit anderen Worten: Wenn man uns schon nicht sagen konnte, wo der Schlüssel liegt, wollten wir wenigstens wissen, wer erklären kann, warum man ihn uns nicht geben wollte.

Die Frist zur Rückmeldung war klar definiert: Donnerstag, 29. Oktober, 12 Uhr.

Und weil es bei aller journalistischen Entschlossenheit nach wie vor um die Sache ging, stand am Ende der Nachricht ein bemerkenswert unspektakulärer Satz:

Wir würden uns freuen, wenn die Öffnung des Gräberhains für die Fotoaufnahmen doch noch ermöglicht werden könnte.

Der Schlüssel war also weiterhin willkommen.

Und plötzlich konnte die Verwaltung sprechen

Was dann geschah, verdient eine eigene Würdigung.

Denn plötzlich zeigte sich, dass der Wiener Magistrat keineswegs ausschließlich von den geistigen Nachfahren der MA 2412 bevölkert wird. Die Antwort kam fristgerecht. Nicht als Formular, nicht als Verweis auf eine weitere Dienststelle, nicht als belehrende Abhandlung über Fristen.

Sondern vom Mediensprecher des zuständigen Stadtrats.

Er hatte zwischenzeitlich mit der MA 42 gesprochen und teilte mit, dass sich erfreulicherweise doch eine gute Lösung gefunden haben dürfte.

Ein kurzer, freundlicher Text. Keine vierwöchige Anmeldefrist. Keine beiderseitige Unterfertigung.

Kein „Ihrem Ansuchen kann nicht nähergetreten werden“.

Stattdessen das, was wir eigentlich von Anfang an gebraucht hätten:

Jemand hatte sich des Problems angenommen.

Man muss sich die Tragweite dieses administrativen Wunders vor Augen führen.

Ein Mensch hatte mit einem anderen Menschen gesprochen.

Und siehe da: Es funktionierte.

Noch bemerkenswerter wurde es binnen einer weiteren Stunde. Nun meldete sich die für Öffentlichkeitsarbeit zuständige Mitarbeiterin mit einer konkreten Zusage.

“Freitag, 30. Oktober 2026, 17 Uhr. […] Treffpunkt: direkt vor dem Tor des Gräberhains.”

Ein Kollege werde uns den Zugang für etwa 15 Minuten ermöglichen.

Und damit auch die letzten organisatorischen Unsicherheiten verschwanden, sollte der Mitarbeiter unsere Telefonnummer erhalten, um bei Bedarf unmittelbar Kontakt aufnehmen zu können.

Man lese und staune - Ein Termin. Ein Treffpunkt. Ein zuständiger Mensch. Eine Telefonnummer. Eine Lösung.

Die gesamte Verwaltungsrevolution passte in wenige Zeilen.

Und das Schönste daran: Die Republik Österreich hatte diesen Vorgang überstanden, ohne dass ihre verfassungsmäßige Ordnung erkennbar Schaden genommen hätte.

Menschen und die Wiederentdeckung des Hausverstands

Es wäre billig, nun ausschließlich über die ursprüngliche Amtsposse zu spotten. Denn die eigentliche Überraschung dieser Geschichte liegt in den Menschen, die ihr eine andere Richtung gaben.

Der Mediensprecher des zuständigen Stadtrats erkannte offenbar, dass hier weniger ein rechtliches Großproblem als vielmehr ein Kommunikations- und Organisationsproblem vorlag. Er stellte den Kontakt zur MA 42 her und brachte Bewegung in die Angelegenheit.

Die Mitarbeiterin der Öffentlichkeitsarbeit machte aus dieser Bewegung eine konkrete Lösung. Nicht irgendwann, nicht nach einer weiteren Prüfung, sondern mit Datum, Uhrzeit, Treffpunkt und direktem Kontakt zum zuständigen Mitarbeiter.

Beide taten etwas, das in einem modernen Servicecenter selbstverständlich sein sollte und im vorangegangenen Schriftverkehr schmerzlich gefehlt hatte:

Sie dachten mit, übernahmen Verantwortung und behandelten die Anfrage nicht als Störung, sondern als lösbare Aufgabe.

DRITTER AKT – HAPPY END ZU HALLOWEEN

Der Mann mit dem Schlüssel

Freitag, 30. Oktober 2026. 17 Uhr.

Waldmüllerpark. Gräberhain. Dasselbe verschlossene Gitter, an dem wenige Tage zuvor unsere kleine Odyssee durch die Wiener Verwaltung begonnen hatte. Nur war diesmal etwas anders. Da stand tatsächlich ein Mitarbeiter. Überpünktlich und mit einem Schlüssel. Das Tor ging auf.

Fünfzehn Minuten, die mehr erzählen als hundert Formulare

Was folgte, war genau das, was wir von Anfang an beabsichtigt hatten.Wir konnten den Gräberhain betreten, uns auf die historischen Grabmäler konzentrieren und jene ausdrucksstarken fotografischen Momente einfangen, die diesem stillen Ort gerecht werden.

Es war ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass die Wiener Verwaltung durchaus Menschen beschäftigt, die nicht nur wissen, welche Vorschriften gelten, sondern auch verstehen, wofür eine öffentliche Einrichtung da ist.

GRÄBERHAIN Waldmüller Park, Wien-Favoriten. Foto: Chris Ernst, Redaktionsnetzwerk PR1, Wien

Die Auferstehung des Bürgerservice

Damit bekommt unsere Geschichte eine Wendung, die wir nach der ersten behördlichen Antwort kaum noch erwartet hätten. Ausgerechnet am Vorabend von Halloween, wenn die Untoten traditionell Hochsaison haben, erwachte im Wiener Magistrat etwas zum Leben, das wir nach dem ersten Schriftwechsel bereits für begraben hielten: Der Servicegedanke.

Und das ist mehr als eine hübsche Pointe.

Verbeugung vor denen, die es möglich gemacht haben

Gerade deshalb soll am Ende nicht der Spott stehen, sondern eine ausdrückliche Anerkennung. Unser Dank gilt dem Mediensprecher des zuständigen Stadtrats, der die Angelegenheit aufgriff und eine Lösung anbahnte. Er gilt der Mitarbeiterin der Öffentlichkeitsarbeit, die daraus rasch und verlässlich einen konkreten Termin organisierte, und er gilt ganz besonders jenem Mitarbeiter der Wiener Stadtgärten, der uns, am späten Freitag Abend, am Gräberhain erwartete, den Zugang ermöglichte und mit seiner engagierten, freundlichen Haltung bewies, dass Bürgerservice nicht aus Hochglanzbroschüren, sondern aus konkretem Handeln besteht.

Journalismus, der Missstände benennt, muss auch anerkennen, wenn Verantwortliche reagieren und Menschen eine Sache zum Guten wenden. Sonst wäre er am Ende nicht viel besser als jene Bürokratie, die er kritisiert: unfähig, neue Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen.

Happy End zu Halloween.

Und ein durchaus versöhnlicher Gruß aus dem Gräberhain an die Wiener Stadtgärten.

GRAÄBERHAIN WALDMÜLLER PARK, Wien -Favoriten. Foto: Chris Ernst, Redaktionsnetzwerk PR1, Wien

Chris Ernst

Chris Ernst, freier Journalist und Publizist zwischen Wien, Hamburg und Madrid. Mitglied im Österreichischen Journalisten Club (ÖJC). Seit 1995 im Journalismus, mit den Schwerpunkten Politik, Tourismus, Wirtschaft, Identität und Sicherheit.

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ALLERHEILIGEN - Toten-Gedenken zwischen morbider Trauer und Lego-Leichenwagen