Endstation GleisGarten: Wie ein Food-Hall-Konzept auf ganzer Linie scheiterte

Sinnbildlicher hätte das Ende kaum ausfallen können: Ausgerechnet in der Sackgasse einer ehemaligen Straßenbahnremise erreichte der GleisGarten seine Endstation. Was als ambitioniertes Gastronomieprojekt in Wien-Meidling startete, ist pleite – und reiht sich damit in eine Serie von Rückschlägen ein, die das gesamte internationale Netzwerk hinter dem Konzept erfasst.

Gleis // Garten - Gastronomieprojekt in Wien-Meidling startete, ist pleite. Foto: Chris Ernst, Wien

7. September 2026: Doppelinsolvenz in der ehemaligen Badner-Bahn-Remise

Am Montag, dem 7. September 2026, eröffnete das Handelsgericht Wien auf Eigenantrag das Konkursverfahren über die KRAFTMoments Development GmbH, jene Gesellschaft, die den GleisGarten in der 1907 erbauten Remise der Badner Bahn in der Eichenstraße betreibt. Zeitgleich meldete auch die hauseigene Brauerei ViennaKRAFT Insolvenz an. Die Verbindlichkeiten der Betreibergesellschaft belaufen sich auf rund 4,5 Millionen Euro, betroffen sind 30 Dienstnehmerinnen und Dienstnehmer sowie etwa 80 Gläubiger. Als Ursache nannte die Schuldnerin selbst gesunkene Kaufkraft der Gäste sowie steigende Mieten und Kosten – eine Fortführung oder Sanierung des Betriebs ist laut Kreditschutzverband nicht vorgesehen. Besonders betroffen ist damit nicht nur die Gastronomieszene, sondern auch das Stadtentwicklungsgebiet Wolfganggasse selbst: Die Remise war als Grätzlzentrum fest in die Planung eines Quartiers mit rund 850 geförderten Wohnungen eingebunden, für das die Stadt Wien 53 Millionen Euro an Fördermitteln bereitgestellt hatte. Die vollständigen Insolvenzdaten listet KSV1870, die stadtplanerischen Hintergründe analysiert die Immobilien-Redaktion.

Graz als Vorbote: Bereits im Jänner die erste Warnung

Was in Wien im September 2026 öffentlich wurde, hatte sich bereits Monate zuvor in der Steiermark angekündigt: Am 12. Jänner 2026 eröffnete das Landesgericht für Zivilrechtssachen Graz ein Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung über die gleichnamige KRAFTMoments KMG GmbH, Betreiberin des Thaler-See-Gartens in Graz-Thal. Mit rund 883.000 Euro Passiva und elf betroffenen Dienstnehmerinnen und Dienstnehmern fiel dieser erste Fall zwar deutlich kleiner aus als die Wiener Pleite, markierte aber bereits das Grundmuster, das sich neun Monate später in Meidling wiederholen sollte. Die beiden Insolvenzen derselben Unternehmensgruppe innerhalb eines Jahres zeichnen damit das Bild eines Konzepts, das strukturell an seine Grenzen stieß. Die vollständige Verfahrensübersicht zum Grazer Fall dokumentiert Creditreform.

Bewertung: Ein Konzept am Ende seines internationalen Vorbilds – und seiner Zielgruppenwahl

Die Wurzeln des GleisGartens reichen weit über Österreich hinaus: Felix Bollen und Anton Borkmann, die den Betrieb in Meidling mitaufgebaut hatten, betrieben zuvor jahrelang gemeinsam die Brauerei German Kraft in der Londoner Mercato-Metropolitano-Halle in Elephant and Castle – jenem Food-Hall-Konzept, das als direktes Vorbild für den GleisGarten diente. Doch auch das Londoner Original steht vor dem Aus: Nach zehn Jahren schließt Mercato Metropolitano im Herbst 2026 endgültig, das Gelände weicht einem Neubauprojekt mit 900 Wohnungen. Auch der geplante Berliner Ableger am Potsdamer Platz kam nie unter dem ursprünglichen Namen zustande – noch vor der Eröffnung wechselte der Betreiber, aus Mercato Metropolitano wurde dort das Konzept Manifesto Market.

Offiziell führen die Betreiber den Kollaps auf gesunkene Kaufkraft der Gäste sowie steigende Mieten und Kosten zurück. Diese Erklärung verträgt sich allerdings schlecht mit der übrigen Gastronomiesaison desselben Jahres: Das Münchner Oktoberfest meldete 2026 mit 7,4 Millionen Besucherinnen und Besuchern einen historischen Rekord, die Wiener Kaiser Wiesn verzeichnete trotz eines Bierpreises von 16,20 Euro ungebrochene Nachfrage, und das Schweizerhaus im Prater, das sich selbst als einer der umsatzstärksten Einzelgastronomiebetriebe Österreichs bezeichnet, hielt 2026 trotz allgemein steigender Rohstoff- und Personalkosten sogar seine Preise stabil. Konsumbereitschaft und Zahlungswille waren in der österreichischen und bayerischen Gastro-Landschaft 2026 also nachweislich vorhanden – nur eben nicht in jener Form, die der GleisGarten mit seinem Nachhaltigkeits- und Gemeinschaftsmarkt-Anspruch anvisierte. Die wiederholte Insolvenz an mehreren Standorten – Graz im Jänner, Wien im September, dazu das Scheitern des Modells in London und Berlin – spricht damit eher für eine strukturelle Fehleinschätzung der Betreiber hinsichtlich der tatsächlichen Konsumbereitschaft ihrer anvisierten Zielgruppe als für eine rein konjunkturelle Krise der Gastronomiebranche insgesamt. Das „gesunkene Kaufkraft”-Argument liest sich vor diesem Hintergrund eher als bequeme Etikettierung des eigenen unternehmerischen Fehlschlags denn als belastbare Diagnose eines gesellschaftlichen Problems.

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