Fernab von Haubenküche und Gourmetführern hat sich an der Donauinsel in diesem Sommer ein unscheinbarer Imbissstand zum echten Geheimtipp gemausert. Sein Erfolgsrezept: keine kulinarische Revolution, sondern schlicht die beste Freibad-Pommes der Stadt – jene Kartoffelstäbchen, die bei jedem Bissen eine Zeitreise in die eigene Kindheit auslösen.
FREIBAD-POMMES - Jugend-Erinnerungen werden wach. Foto: Chris Ernst, Redaktionsnetzwerk PR1 Wien
Eine Imbissbude, die ohne Sternerezensionen auskommt
An der Brigittenauerbrücke auf der Donauinsel betreibt die Summerstation einen jener Stände, die sich keiner Michelin-, Gault-Millau- oder Falstaff-Bewertung verdankt, sondern ausschließlich der Mundpropaganda badender Stammgäste. Neben indischen Spezialitäten wie Lamm Tikka oder Tandoori Tangari hat sich hier vor allem ein Gericht als eigentlicher Publikumsmagnet etabliert: die klassische Freibad-Pommes, die laut Szene-Insidern als „echt zu empfehlen” gilt. Betroffen von diesem Sommerphänomen sind in erster Linie jene Wienerinnen und Wiener, die zwischen Badetuch, Sonnencreme und Sprungturm auf der Suche nach dem einen Snack sind, der einen Tag im Freibad erst vollständig macht. Eine Übersicht über vergleichbare Insidertipps entlang der Insel liefert der Donauinsel-Guide von 1000things, eine Einordnung der kulinarischen Konkurrenz an Wiens Badeplätzen bietet die Badeplätze-Übersicht desselben Magazins.
Die Geschichte eines Streifens Kartoffel: Von Namur bis zur Pappschale am Beckenrand
Die Herkunft der Pommes frites bleibt bis heute Gegenstand erbitterter Debatten zwischen Belgien und Frankreich. Belgische Überlieferungen datieren die ersten frittierten Kartoffelstäbchen auf die Zeit vor 1680 in der Region um Namur, während französische Historikerinnen und Historiker die Erfindung den Straßenhändlern an der Pariser Pont Neuf kurz vor der Revolution 1789 zuschreiben. Der älteste schriftliche Nachweis stammt aus einem belgischen Manuskript von 1781. Breite Verbreitung fand das Gericht jedoch erst im 19. Jahrhundert, massentauglich wurde es durch die Erfindung der ersten Fritteuse 1860 durch den Franzosen Joseph Malines sowie durch amerikanische Soldaten, die während des Ersten Weltkriegs in Belgien mit den „French fries” in Kontakt kamen und sie in die USA brachten. In Österreich und Deutschland verschmolz das Gericht schließlich untrennbar mit der Freibadkultur der Nachkriegsjahrzehnte – jener Zeit, in der Pommes-Buden am Beckenrand zum festen Bestandteil jedes Sommers wurden. Eine ausführliche kulinarhistorische Einordnung liefert der Falstaff-Beitrag zur Geschichte der Pommes frites.
Mayo oder Ketchup: Eine Frage, die niemals endgültig beantwortet wird
Ketchup oder Mayo? Was gehört auf die Freibad-Pommes? Foto: Chris Ernst, Redaktionsnetzwerk PR1, Wien
Wer schon einmal mit geschlossenen Augen in eine heiße, leicht labberige Portion Freibad-Pommes gebissen hat, kennt jenen Moment, in dem Chlorgeruch, Sonnenbrand und das Geräusch einer Arschbombe plötzlich wieder gegenwärtig werden. Die ewige Streitfrage, ob Mayonnaise oder Ketchup die rechtmäßige Begleitung darstellt, lässt sich dabei nicht objektiv klären – in Deutschland und Österreich hat sich längst die Melange aus beidem durchgesetzt, umgangssprachlich als „Pommes rot-weiß” oder „Pommes Schranke” bekannt. Was die Freibad-Pommes letztlich von jeder anderen Portion Pommes unterscheidet, ist ohnehin nicht die Zubereitung, sondern der Kontext: das nasse Badetuch unter den Beinen, die klebrigen Finger, der erste Bissen nach dem kalten Sprung ins Wasser. Genau diese Komposition aus Erinnerung und Geschmack macht die Portion aus der Pappschale zu einem der wenigen kulinarischen Erlebnisse, die keine Bewertungsskala je einfangen könnte. Wer dem Phänomen auf den Grund gehen möchte, findet eine unterhaltsame Einordnung im Standard-Pommes-Test durch Wiens Freibäder.

