Eissalon Tichy verabschiedet sich in die Winterruhe: Letzte Portionen gingen an einen guten Zweck

Der Reumannplatz liegt seit dem 29. September 2026 wieder im Zeichen der kalten Jahreszeit: Der legendäre Eissalon Tichy hat seine Saison beendet und die Rollläden heruntergelassen. Wer in diesen Wochen am Favoritner Wahrzeichen vorbeispaziert, blickt in leere Vitrinen – eine Wiener Institution begibt sich in ihre traditionelle Winterpause.

Kurz vor Toresschluss noch schnell ein Original Tichy-Eis schlecken - Foto: Chris Ernst, Redaktionsnetzwerk PR1, Wien

Winterruhe mit Tradition: Was es mit der Schließung auf sich hat

Mit Ende September zieht sich die Familie Tichy, wie seit Jahrzehnten üblich, für die kalte Jahreszeit zurück. Diese jährlich wiederkehrende Betriebspause ist fester Bestandteil des Geschäftsmodells: Der Salon öffnet traditionell im März und schließt mit dem Ende des Sommers, da die Nachfrage nach Speiseeis in den Wintermonaten naturgemäß einbricht. Die verbliebenen Restbestände wurden nicht entsorgt, sondern gespendet – eine Geste, die zum familiären Charakter des Betriebs passt, der seit 1952 in Wien beheimatet ist. Wer sich über den aktuellen Zustand von Wiens Eissalon-Landschaft informieren möchte, findet eine Übersicht bei wien.info, konkrete Öffnungszeiten und Saisondaten liefert die Plattform finde-offen.at.

Was Tichy ausmacht: Eismarillenknödel, Familientradition und ein Preiskonzept mit Seltenheitswert

Der Eissalon Tichy am Reumannplatz 13 im zehnten Bezirk ist weit mehr als eine gewöhnliche Eisdiele – er gilt als Institution mit Kultstatus, gegründet 1952 von Kurt und Marianne Tichy, die zunächst mit einem dreirädrigen Eiswagen die Schrebergärtner der Simmeringer Haide belieferten. 1955 folgte der Umzug an den heutigen Standort, wo Kurt Tichy senior 1967 jene Kreation erfand, die den Betrieb über die Landesgrenzen hinaus bekannt machte: den patentierten Eismarillenknödel, bestehend aus einem Marilleneis-Kern, umhüllt von Vanilleeis und gerollt in gerösteten Haselnüssen. Heute führt Xenia Tichy den Familienbetrieb in dritter Generation, beschäftigt rund 70 Mitarbeitende und lässt wöchentlich etwa 35.000 dieser Knödel die hauseigene Eisküche verlassen.

Hausgemacht, lecker und preiswert: das TICHY-Eis in der Tüte. Foto: Chris Ernst, Redaktionsnetzwerk PR1, Wien

Neben der berühmten Spezialität sorgt vor allem das Preiskonzept für Gesprächsstoff: Statt nach Kugelanzahl wird bei Tichy nach Gefäßgröße abgerechnet. Für die kleinste Tüte mit drei frei wählbaren Sorten verlangte der Salon in dieser Saison lediglich 3,10 Euro – ein Betrag, der angesichts der hausgemachten Qualität und des hohen Fruchtgehalts der Fruchteissorten von bis zu 70 Prozent als absoluter Spitzenwert im Wiener Eissalon-Vergleich gilt. Einen Überblick über die Preisstruktur konkurrierender Betriebe bietet die Marktanalyse von 1000things.

Bis zum Frühling: Eine Institution, die wiederkommt

Der Winterschlaf des Tichy ist kein Abschied, sondern ein eingespieltes Ritual, das die Vorfreude auf die kommende Saison jedes Jahr aufs Neue nährt. Erst im Frühling 2027 öffnet der Salon seine Türen wieder, voraussichtlich – dem gewohnten Rhythmus der vergangenen Jahre folgend – im März. Bis dahin bleibt den Favoritnerinnen und Favoritnern sowie den zahlreichen Touristinnen und Touristen, die den Salon gegenüber dem Amalienbad regelmäßig aufsuchen, nur die Erinnerung an cremige Fruchteissorten und den unverkennbaren Duft der Eisküche. Die Kombination aus familiärer Handwerkstradition, einer einzigartigen patentierten Kreation und einem Preisniveau, das in der Wiener Gastronomielandschaft seinesgleichen sucht, erklärt, warum der Reumannplatz jeden Frühling aufs Neue zum Pilgerort für Eisliebhaberinnen und -liebhaber wird. Die Geschichte des Betriebs in allen Details dokumentiert das Wien Geschichte Wiki.

Chris Ernst

Chris Ernst, freier Journalist und Publizist zwischen Wien, Hamburg und Madrid. Mitglied im Österreichischen Journalisten Club (ÖJC). Seit 1995 im Journalismus, mit den Schwerpunkten Politik, Tourismus, Wirtschaft, Identität und Sicherheit.

https://www.pr1.at
Zurück
Zurück

Aus und vorbei: Wiens Pizza-Boten sitzen auf wertlosem E-Schrott

Weiter
Weiter

Freibad-Pommes: Der bittersüße Geschmack vergangener Sommertage