Mit großer medialer Geste wurde Wiens erstes Supergrätzl in Favoriten aus der Taufe gehoben – als Blaupause für eine neue, autoreduzierte Stadt. Fünf Jahre später zeigt sich: Der Startschuss war der politische Höhepunkt, die Umsetzung in der Fläche blieb aus.
„Dead on arrival“ – Wiens Stadtplanungs-Experiment „Supergrätzl“ ist offiziell Geschichte. Foto: Chris Ernst, Redaktionsnetzwerk PR1, Wien
Der Auftakt 2021: Große Ankündigung, ein einziges Pilotgebiet
Im Jahr 2021 kündigte die Stadt Wien im zehnten Gemeindebezirk das erste Supergrätzl Österreichs an, nach dem Vorbild der Superblocks in Barcelona. Betroffen war das 9,5 Hektar große Areal zwischen Gudrunstraße, Leebgasse, Quellenstraße und Neilreichgasse rund um die Mittelschule Herzgasse. Bereits zum Zeitpunkt der Ankündigung stellte die zuständige Planungsstadträtin klar, dass bis zum Abschluss und zur Evaluierung dieses einen Pilotprojekts kein weiteres Supergrätzl in der Stadt errichtet werden sollte. Diese Festlegung blieb über Jahre hinweg bestehen, während parallel in mehreren Bezirken – etwa am Alsergrund, in Rudolfsheim-Fünfhaus, auf der Wieden und in Hernals – Bezirksbeschlüsse für eigene Supergrätzl-Projekte vorlagen, ohne dass daraus eine Umsetzung folgte. Detaillierte Projektdaten und den offiziellen Zeitplan der Stadt dokumentiert die Projektseite der Stadt Wien, eine Übersicht über die wartenden Bezirksinitiativen liefert die zivilgesellschaftliche Plattform Wir machen Wien.
Projekt Supergrätzl: Warum Wiens neue Stadtplanungsidee schon beim Start scheiterte. Foto: Chris Ernst, Redaktionsnetzwerk PR1, Wien
Die Pilotphase: Bodenmarkierungen als Symbol einer Verkehrswende auf Probe
Zwischen Mai und September 2022 lief die eigentliche Pilotphase, in der provisorische Maßnahmen getestet wurden: Einbahnregelungen wurden gedreht, Kreuzungen mit Diagonalfiltern versehen, der Durchzugsverkehr unterbunden. Sichtbarstes – und medial wirksamstes – Element der Testphase waren die auffälligen Bodenmarkierungen auf den Kreuzungen, mit denen die Stadt die neue Verkehrsführung kenntlich machte und die in den folgenden Jahren zum Symbolbild des Projekts in der Berichterstattung avancierten. Erst ab 2023 begann die bauliche Umsetzung mit Entsiegelung, Baumpflanzungen und der dauerhaften Fußgängerzone vor der Schule, die im Mai 2026 offiziell mit einem Nachbarschaftsfest eröffnet wurde – rund fünf Jahre nach der ursprünglichen Ankündigung. Hintergründe zur Pilotphase und den dort gesammelten Erfahrungen bündelt die Gesundheitsziele-Plattform der Stadt Wien.
Zusammenfassung und Bewertung: Ein Leuchtturmprojekt ohne Nachfolger
Fünf Jahre nach der Ankündigung und rund vier Monate nach der feierlichen Eröffnung zeigt sich ein nüchternes Bild: Favoriten blieb der einzige Bezirk, in dem Wien sein eigenes Superblock-Konzept tatsächlich realisierte. Während deutsche Städte inzwischen auf fast hundert Superblock-Initiativen verweisen, verharrt Wien bei einem einzigen Referenzprojekt – und die Stadt hat mittlerweile intern entschieden, es dabei zu belassen. Die anfängliche Dynamik, verstärkt durch internationale Delegationen, die das Grätzl besuchten, und durch eine Auszeichnung mit dem Aquila-Preis, verpuffte in der politischen Priorisierung. Übrig bleibt ein stadtplanerisches Musterbeispiel, dessen eigentlicher Zweck – als Blaupause für eine flächendeckende Verkehrsberuhigung zu dienen – bislang nicht eingelöst wurde. Eine Einordnung der städtebaulichen Logik hinter dem Superblock-Prinzip und seiner eigentlich vorgesehenen Skalierung liefert der Hintergrundartikel von Wir machen Wien.

