Lange Nacht der Märkte in Wien - wieder ein fulminanter Flop

Trotz der Besetzungsaffäre rund um das Marktamt und der im Sommer 2026 öffentlich gewordenen, nachweislich gefälschten Besucherzahlen wiederholte sich am Viktor-Adler-Markt exakt jenes Muster, das bereits im Vorjahr dokumentiert war: eine Ankündigung ohne Marktbeteiligung, mit einem einzigen tatsächlichen Nutznießer.

LANGE NACHT DER MÄRKTE in Wien: Ohne Marktbetreiber, geschlossene Stände, kein einziger Marktstand hatte geöffnet. Foto: Chris Ernst, Redaktionsnetzwerk PR1, Wien

Eine Behörde in der Krise, ein Format ohne Konsequenz

Das Wiener Marktamt (MA 59) durchlief im Sommer 2026 eine der turbulentesten Phasen seiner jüngeren Geschichte. Am 16. Juli 2026 legte Abteilungsleiter Andreas Kutheil seine Funktion inmitten laufender Prüfungen zu Mobbing-, Rassismus- und Sexismusvorwürfen nieder, offiziell aus „persönlichen Gründen”. Parallel geriet sein damaliger Stellvertreter Alexander Hengl ins Visier: Laut Recherchen des Falter soll er Mitarbeiter angewiesen haben, Besucherzahlen anhand gefälschter Strichlisten zu erfinden, zusätzlich betrieb er mehrere Fake-Accounts in sozialen Netzwerken, die das Amt öffentlich bejubelten. Als besonders skurriles Detail der Affäre gilt eine für 25.080 Euro angeschaffte historische Wurstschneidemaschine für das Marktamtsmuseum, deren angebliche Besuchermagnetwirkung sich im Nachhinein nicht belegen ließ. Interimistisch übernahm Christian Seiringer die Leitung der Abteilung.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die „5. Lange Nacht der Wiener Märkte” am 4. September 2026 eine Lehre aus der Affäre zog. Die Antwort fällt eindeutig aus.

Der Befund vor Ort: Ein Markt ohne Markt, eine Handvoll Menschen bei sich selbst

Um 20.10 Uhr, mitten in der von der Stadt Wien beworbenen Kernzeit zwischen 18 und 23 Uhr, traf das PR1-Reporterteam am Viktor-Adler-Markt auf heruntergelassene Rollläden, leere Gänge und vereinzelte Standler beim Aufräumen. Die mitgeführten Fotografien dokumentieren das Bild lückenlos: In den schmalen Marktgassen reiht sich Rollladen an Rollladen, nur vereinzelt brennt noch das Licht eines einzelnen geöffneten Imbisses, in dem ein einzelner Gast allein an seinem Tisch sitzt. Eine Besucherin durchquert die menschenleere Gasse zwischen den geschlossenen Ständen, als wäre es eine gewöhnliche Nacht außerhalb jeder Veranstaltung.

Die einzige erkennbare Reaktion auf die beworbene Lange Nacht fand sich an einem einzigen, gelb beleuchteten Stand: Dort saß eine kleine Gruppe von vielleicht zehn bis fünfzehn Personen an zusammengestellten Tischen und spielte Backgammon, begleitet von Musik und ein wenig Beleuchtung. Eine Verbindung zum titelgebenden Marktgeschehen, zu offenen Verkaufsständen oder zu den angekündigten Programmpunkten wie dem Auftritt der Gruppe Dschurdschuna war an dieser Stelle nicht erkennbar. Die Gruppe machte, wie es sich vor Ort darstellte, schlicht „ihr Ding”, unabhängig davon, ob um sie herum ein Markt stattfand oder nicht.

Angesprochene Marktbetreiber erklärten unisono, von der Veranstaltung nichts zu wissen: „Die haben mit uns nichts abgestimmt.” „Wir wissen von nichts.”

Dass es sich dabei um kein einmaliges Zusammentreffen handelt, belegt ein Archivbild der offiziellen Nachlese zur Langen Nacht 2025 auf der Website des Wiener Märkteclubs: Dort posiert die NEOS-Wien-Klubvorsitzende Selma Arapovic Seifenblasen blasend am eigenen Parteistand, mit der Bildunterschrift „am Stand von NEOS Wien”. Rund 20 Meter vom gelb beleuchteten Caritasstand entfernt stand auch 2026 ein klar erkennbarer Infostand der NEOS, jener Partei, der die politisch verantwortliche Vizebürgermeisterin Bettina Emmerling angehört.

Die Antworten des Marktamts: Eingeständnis in drei Stufen

Auf den ersten Fragenkatalog reagierte Christian Seiringer binnen kurzer Zeit. Konkrete Zielvorgaben zu Besucherzahl, Umsatz oder Anzahl geöffneter Stände habe es für den Viktor-Adler-Markt nie gegeben, so die erste Auskunft. Die Beteiligung habe „hinsichtlich der geöffneten Stände nicht durchgehend den Erwartungen” entsprochen, eine Formulierung, die angesichts der vollständigen Marktschließung erheblichen Interpretationsspielraum offenließ.

Auf gezielte Nachfrage, welche Erwartung einer Planung zugrunde liege, bei der kein einziger Verkaufsstand teilnahm, lieferte Seiringer die entscheidende Auskunft: Das Marktamt kontaktiere die Marktparteien jährlich im April oder Mai, erkläre ihnen das Konzept der Langen Nacht und frage nach verlängerten Öffnungszeiten. „Jeder Einzelne sagt meist ‘Ja’ dazu.” Bei späterer Nachfrage jedoch hätten die Standler „kein Personal” und sperrten zu. Auch die Marktfahrer in der Leibnizgasse zeigten „kein Interesse”. Einzig der Stand der Caritas biete seit der ersten Langen Nacht durchgehend ein Programm an, wobei Seiringer ausdrücklich klarstellte, dieser habe „nicht immer”, sondern „nur nicht täglich” geöffnet.

Stand 129: Eine ganzjährige Einrichtung, keine Eventbeteiligung

Seiringers Zuordnung zu „Caritas” ist sachlich korrekt, aber unvollständig. Hinter dem bespielten Stand verbirgt sich Stand 129, eine seit September 2013 bestehende, feste Einrichtung der Caritas Wien auf den Marktstandplätzen 129 bis 132. Betrieben wird er in Kooperation mit dem Kulturhaus Brotfabrik, das in der benachbarten, denkmalgeschützten Ankerbrotfabrik in der Absberggasse untergebracht ist. Gefördert wird Stand 129 laut eigener Darstellung durch die Stadt Wien über die MA 17 sowie die Kulturkommission der Bezirksvertretung Favoriten. Das reguläre Programm umfasst Wohnzimmerkonzerte, offene Chorproben, gemeinsames Kochen und das montägliche Sprachcafé, exakt jenes Format, das auf einem Plakat direkt neben der Ankündigung zur Langen Nacht am Markteingang hing.

Stand 129 ist damit kein Marktstand im klassischen Sinn und kein für diesen Anlass aktivierter Eventpartner, sondern eine ganzjährig etablierte Kultureinrichtung ohne jede Verbindung zum eigentlichen Marktbetrieb oder zu den Marktparteien. Was an diesem Abend stattfand, war die ohnehin bestehende reguläre Programmierung des Stands, die unabhängig von der Langen Nacht ganzjährig läuft und an diesem konkreten Abend lediglich zufällig zusammenfiel.

Fazit: Ein Werbeaufwand mit einem einzigen Nutznießer

Der gesamte kommunikative und logistische Aufwand der Stadt Wien zur Langen Nacht der Wiener Märkte kanalisierte sich am Viktor-Adler-Platz ausschließlich auf den Caritasstand 129. Keine der regulären Marktparteien öffnete, keine Umsatzsteigerung fand statt, kein einziger Standler profitierte von der beworbenen Night-Shopping-Ankündigung. Übrig blieb eine Handvoll Menschen, die an einem einzelnen beleuchteten Stand bei Musik und Brettspielen ihre eigene, von der Stadt unabhängige Veranstaltung fortsetzten, während ringsum ein ganzer Markt im Dunkeln lag.

Die Chronologie zeichnet ein eindeutiges Bild. Das Marktamt kennt das Verfahren aus wiederkehrender, folgenloser Zusage und tatsächlichem Nichterscheinen seit mindestens zwei Jahren, belegt durch das NEOS-Archivbild von 2025 und bestätigt durch Seiringers eigene Formulierung „meist”, die nahelegt, dass dieses Verhalten über Jahrgänge hinweg die Regel bildet. Trotzdem wurde die Veranstaltung 2026, mitten in der schwersten Führungskrise der Behördengeschichte und wenige Wochen nach öffentlich bekannt gewordenen, systematisch gefälschten Besucherzahlen, erneut unter identischem Wortlaut beworben, mit konkreten Programmpunkten wie dem Auftritt der Gruppe Dschurdschuna, obwohl die verantwortliche Stelle wusste, dass am Viktor-Adler-Markt keine belastbare Zusage für tatsächlich geöffnete Stände existierte.

Die Stadt Wien bewarb flächendeckendes Marktgeschehen auf 17 fixen Märkten, Night-Shopping und mehr als 150 Stunden Kunst und Kultur. Am Viktor-Adler-Platz blieb von diesem Versprechen ausschließlich jene Institution übrig, die ihr Programm auch ohne die Lange Nacht gefahren hätte, flankiert vom wiederkehrenden Infostand jener Partei, der die zuständige Vizebürgermeisterin angehört. Wer von der Langen Nacht am Viktor-Adler-Platz tatsächlich etwas hatte, lässt sich damit eindeutig benennen, und es war nicht der Markt.

Chris Ernst

Chris Ernst, freier Journalist und Publizist zwischen Wien, Hamburg und Madrid. Mitglied im Österreichischen Journalisten Club (ÖJC). Seit 1995 im Journalismus, mit den Schwerpunkten Politik, Tourismus, Wirtschaft, Identität und Sicherheit.

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