SCHWEIZERHAUS-PROSECCO-GATE: Ex-Miss Rillé und ihr Pranger im Prater

Saisonende, und im Prater fliegen die Fetzen: Mittendrin das Schweizerhaus als Tatort und Täter und Evelyn Rillé, eine ehemalige Miss Austria. Am Anfang stehen enttäuschte Erwartungen, eine Flasche Prosecco, die nicht auf der Karte steht, und ein Kellner, der Fehler gemacht hat. Am Ende versammelt sich nun der Wiener Mob um einen medialen Pranger mitten im Prater und urteilt über ein Geschehen, das er nur vom Hörensagen kennt.

Evelyn Rillé gehörte zu den privilegierten, handverlesenen Gästen, die eine Einladung zum legendären Saisonfinale im Schweizerhaus hatten, doch dann flogen die Fetzen – samt medialem Nachspiel in den sozialen Medien. Illustration, KI generiert: Redaktionsnetzwerk PR1, Wien

Mitten im Prater steht seit Samstag ein Pranger. Errichtet hat ihn die ehemalige Miss Austria Evelyn Rillé, und das Volk strömt in Scharen herbei: Bis Sonntagnachmittag (15.30 Uhr) zählt ihr Posting 598 Daumen, 529 Urteile und 116 Boten, die das Spektakel in fremde Timelines verbreiten. Am Schandpfahl hängt das Schweizerhaus, das Wohnzimmer der Wiener, über Nacht zur Piñata geworden, auf die jeder nach Herzenslust eindreschen darf. Wer zuschlägt, benötigt weder Kenntnis noch Anwesenheit. Eine Anekdote genügt, und parat hat sie offenbar jeder.

Es gibt ein Prinzip, das älter ist als die 100-jährige Tradition des Schweizerhauses. Vor dem Urteil steht die Prüfung. Ob der Kellner an jenem Abend ausfällig wurde, ob die Gäste überzeichnen, ob die Leitung versagte, lässt sich aus der Ferne kaum klären. Genau darin liegt der Befund. Richter und Henker haben ihr Werk längst verrichtet, und der Mob johlt.

Der letzte Abend

Am 31. Oktober endete im Schweizerhaus nach 231 Tagen die Saison. Der letzte Öffnungstag gilt traditionell den Stammgästen, die gemeinsam mit der Inhaberfamilie Kolarik das Jahr im Gastgarten ausklingen lassen. An einem der reservierten Tische saß Evelyn Rillé, ehemalige Miss Austria, mit neun Begleitern. Was dort geschah, schildern beide Seiten auf Facebook, und ihre Darstellungen decken sich nur in Teilen.

Zwei Versionen eines Abends, wie sie in jedem Gasthaus der Welt vorkommen: hier eine Gesellschaft, die sich schlecht behandelt fühlt, dort ein Betrieb, der korrekt gehandelt haben will. Für solche Fälle gibt es Beschwerdewege, Aussprachen, notfalls Gerichte. Rillé wählte aber den Marktplatz und den öffentlichen Pranger.

Das Schandbild

Ihrem Posting auf Facebook fügte sie eine KI-generierte Karikatur bei. Sie zeigt einen Kellner mit zerzaustem Haar und knollig geröteter Nase, Speichel sprüht aus seinem Mund, Senf und Kren klecksen über die Schürze, der Zeigefinger zielt anklagend auf die entsetzte Tischrunde. Im Hintergrund kratzt sich ein Herr im Anzug ratlos am Kopf, ringsum starrt der gesamte Gastgarten auf die Szene. Eine Flasche Schlumberger mit lesbarem Etikett verströmt Gestank. Auf dem Tisch prangt eine Checkliste mit sechs roten Haken, der letzte hinter dem Vermerk „Keine Entschuldigung“.

Wer ihr Posting aufmerksam liest, stutzt. Dort ist von einem Mitarbeiter die Rede, der sich mehrfach entschuldigte. Die Zeichnung verdichtet eine differenzierte Schilderung zu einem Verdikt, das der Text der Urheberin selbst widerlegt. Aus einem Eindruck („auf uns deutlich alkoholisiert“) wird eine Säufernase, aus einer Beschwerde ein Steckbrief.

Das Spätmittelalter kannte für solche Zwecke ein eigenes Instrument. Gläubiger ließen säumige Schuldner auf Schandbildern in entwürdigenden Posen darstellen und schlugen diese öffentlich an, damit die Menge ihr Urteil fällen konnte. Eine Verhandlung brauchte es dafür ebenso wenig wie einen Beweis. Die Zeichnung genügte, und das Volk verstand.

Der digitale Pranger bei Facebook

Um den digitalen Pranger drängt sich binnen Stunden ein johlender Pöbel, der jedem mittelalterlichen Marktplatz Ehre machen würde. Da ist die Dame, die im Sommer mit 15 Personen im oberen Stock saß und für ihre Beschwerde einen Zehn-Euro-Gutschein erhielt, „und bla bla“. Auch sie vermisst eine Entschuldigung. Daneben die Besucherin, die sich als Nicht-Biertrinkerin wie ein Gast zweiter Klasse fühlte und ihre persönlichen Konsequenzen gezogen hat. Beide begleichen alte Rechnungen. Mit dem 31. Oktober hat das eine so wenig zu tun wie das andere.

Da ist der Ankläger, der die Polizei gerufen und Anzeige erstattet hätte, vor zehn Zeugen, „und die Peinlichkeiten für das Lokal dazu“. Hier spricht der Wunsch nach öffentlicher Beschämung in seiner reinsten Form, formuliert von einem Mann, der den Pranger offenbar gern selbst aufgestellt hätte. Dass die Runde keinen Notruf absetzte und bis zum Bezahlen blieb, stört dabei keinen.

Da ist die Frau, die nach eigenen Angaben einst in einem „Kolarikbetrieb“ arbeitete und nun arbeitsrechtliche Vorwürfe ausbreitet, deren Bezug zum Abend sich jedem Leser entzieht. Welches Haus gemeint ist, lässt sie offen. Auf dem Marktplatz spielt das keine Rolle: Sippenhaft gehörte dort seit jeher zum Repertoire.

Und da ist jener Nutzer, der das aggressive Verhalten des Kellners mit einer Anspielung auf Drogenkonsum erklärt, gemünzt auf das gesamte Personal. Ohne Beleg, garniert mit einem nachdenklichen Emoji. Vierzehn Daumen zeigen nach oben, einer davon gehört der Autorin Rillé.

Evelyn Rillé: Richterin mit dem virtuellen Daumen

Denn Rillé verwaltet ihren Pranger mit Bedacht. Den Beitrag mit der Drogen-Anspielung versieht sie mit einem Like, die Polizei-Phantasie ebenso, die Abrechnung der Sommergäste und das Gefühl der Zweitklassigkeit gleichermaßen. Den Vorwürfen der einstigen Mitarbeiterin schenkt sie ein trauriges Emoji. Wortmeldungen zugunsten des Hauses bleiben ohne jede Reaktion, etwa jene eines Herrn, der von einem ausgesprochen netten Kellner berichtet, bei dem Stelze, Bier und Beilagen tadellos waren. Wer lobt, bleibt ungehört. Wer verdächtigt, erhält Zustimmung.

Den höchsten Ton im Chor stimmt jedoch ein anderer an. Er bedauert pflichtschuldig, was „euch passiert ist“, und wendet sich dann dem Eigentlichen zu: dem Lesevergnügen. Die Spannung sei bis zum Schluss gehalten, die Ausführungen sensationell, er habe die Lektüre regelrecht verschlungen. Auch dafür vergibt die Autorin ihren Daumen.

Hier liegt der Kern des Prosecco-Gates. Ein misslungener Abend ist zum Fortsetzungsroman geworden, die Beschimpfung zur Pointe, die Kränkung zum Content. Gefeiert wird die Erzählung. Ob sie stimmt, fragt niemand mehr. Böse Zungen könnten sicherlich behaupten, ein solcher medialer Schrei nach Aufmerksamkeit sei ein gelungener PR-Stunt auf dem Rücken eines überforderten Kellners gewesen. Aber diese Mutmaßung wäre ebenso unbewiesen wie viele der anderen Aussagen, die in diesem Prosecco-Gate getroffen wurden.

Winterpause

Das Schweizerhaus hat sich in die Winterpause verabschiedet, unter den Kastanien sammelt sich das Laub. Der Pranger im Netz bleibt geöffnet, rund um die Uhr, und Henker finden sich in Hülle und Fülle: Jeder, der einmal auf seinen Senf warten musste, darf zuschlagen.

Tradition verpflichtet, mahnt Evelyn Rillé am Ende ihres Postings. Der Pranger zählt zu den ältesten Bräuchen Europas. Abgeschafft wurde er aus gutem Grund.

Chris Ernst

Chris Ernst, freier Journalist und Publizist zwischen Wien, Hamburg und Madrid. Mitglied im Österreichischen Journalisten Club (ÖJC). Seit 1995 im Journalismus, mit den Schwerpunkten Politik, Tourismus, Wirtschaft, Identität und Sicherheit.

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