Großkundgebung der Studenten in Wien, aber zwischen Pappschildern und Trillerpfeifen wehten im Resselpark auffallend viele rote Fahnen mit Hammer und Sichel: Die Revolutionäre Kommunistische Partei (RKP) nutzte die Uni-Kundgebung als Bühne für ihre eigene Agenda.
RKP auf dem Kriegspfad: Die Kommunisten kaperten die Uni-Demonstrastion für ihre ureigene Agenda. Foto: Chris Ernst, Redaktionsnetzwerk PR1, Wien
Es ist nicht das erste Mal, dass die radikal linke Organisation Schüler und Studenten umwirbt. Anfang Oktober mobilisierte sie zum Schulstreik gegen das Kopftuchverbot, nun dient ihr das Budgetloch der Universitäten als Trittbrett.
Eine Partei mit Hochschulplan
Die RKP ist eine junge Gründung mit einer Vorgeschichte, die bis ins Wien der Kaiserzeit zurückreicht. Sie gehört zur trotzkistischen Revolutionären Kommunistischen Internationale (RKI), deren Ableger in mehreren Bundesländern gezielt junge Menschen ansprechen.
Ihr bevorzugtes Terrain ist der Campus. Bei der Wahl der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH) 2025 trat die RKP erstmals bundesweit an, mit dem erklärten Ziel einer kommunistischen Massenbewegung, die von den Universitäten ausgehen soll. Als Vorbild nannte sie die Studentenproteste in Serbien, als Losung „Bildung statt Bomben“.
Vom Kopftuch zum Uni-Budget
Wie dieses Konzept in der Praxis aussieht, zeigte sich zuletzt an den Schulen. Gegen das Kopftuchverbot für Mädchen bis 14 Jahren auf dem Schulgelände, beschlossen von der Österreichischen Volkspartei (ÖVP), der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ) und den NEOS, rief ein breites Bündnis für den 9. Oktober zum Unterrichtsboykott auf. Dazu gehörten die Sozialistische Jugend (SJ), die Roten Falken und die Initiative „Schule brennt“. Die RKP warb mit eigenen Plakaten: „Schulstreik gegen das rassistische Kopftuchverbot“, versehen mit dem Aufruf „Mach mit!“ und dem Parteilogo.
Hammer und Sichel, sowie die erhobene Faust erinnern unverhohlen an die Sowjetischen Wurzeln. Foto: Chris Ernst, Redaktionsnetzwerk PR1, Wien
Im Parteiorgan „Funke“ wurde der Protest umgehend ideologisch aufgeladen. Die Bewegung der Schüler könne eine Trendwende im Klassenkampf einleiten, hieß es dort, und der Text mündete in einen Beitrittsaufruf. Wenige Tage vor der Uni-Demo rühmte sich die Partei, nach eigenen Angaben beim Aufbau von Komitees an 46 Schulen mitgewirkt zu haben.
Am Donnerstag tauchte das Thema prompt wieder auf. Unter den roten Fahnen ragte ein Schild mit der Aufschrift „Nieder mit dem rassistischen Kopftuchverbot“ empor. Die Forderung zielt an der Finanzierung der Universitäten vorbei und mitten auf die Mobilisierung junger Menschen für die eigene Sache.
Mit dem eigentlichen Demonstrationszweck hat der Informations- und Propagandastand der RKP nichts zu tun. Foto: Chris Ernst, Redaktionsnetzwerk PR1, Wien
Fäuste, Hammer und Sichel
Auffällig ist die Bildsprache. Das Transparent „Books not Bombs“ mit dem Zusatz „Students for Revolution!“ zeigt geballte Fäuste, die Waffen zerbrechen, flankiert von den Logos der RKP und ihrer Internationale. Dazu kommen Hammer und Sichel auf jeder Fahne und erhobene Arme in Comicoptik auf den Plakaten.
Diese martialische Ästhetik erinnert eher an den subversiven Guerillakampf militanter Antifa-Gruppen als an offene Kritik an der Budgetkürzung. Die ÖH hatte mit einer nüchternen Botschaft mobilisiert: Die Regierung kürze Milliarden an der Zukunft der Studenten. Die RKP setzte daneben das Vokabular des Umsturzes.
Die Agenda in eigenen Worten
Wie die Partei die Proteste versteht, formuliert sie selbst unmissverständlich. Am Vortag der Demo titelte der „Funke“: „Mach deine Uni zur kommunistischen Hochburg!“ Gefordert werden selbstorganisierte Fakultätsversammlungen, die Rektorate stehen aus ihrer Sicht auf der falschen Seite, und am Ende des Weges steht die Revolution gegen den Kapitalismus. Das Budgetloch ist in dieser Lesart ein Hebel, das eigentliche Ziel reicht weit darüber hinaus.
Genau dieses Muster hatte der Terrorismusexperte Nicolas Stockhammer im Vorfeld im KURIER beschrieben: Gruppierungen, die große Kundgebungen nutzen, um ihre politischen Anliegen zu platzieren. Für die ÖH-Demo selbst hielt er Ausschreitungen für unwahrscheinlich. Die Vereinnahmung fand dennoch statt, leise und mit Fahnen.
Der Mann aus dem Café Central
Der ideologische Stammvater der RKP hat selbst Wiener Spuren hinterlassen. Leo Trotzki, mit bürgerlichem Namen Lew Bronstein, lebte vor dem Ersten Weltkrieg mehrere Jahre in der Stadt, zunächst in Hütteldorf, später in Sievering. Ab Oktober 1908 gab er von hier aus die russischsprachige „Prawda“ heraus, die über die Grenze ins Zarenreich geschmuggelt wurde.
Zu seinen bevorzugten Adressen zählte das Café Central in der Herrengasse. Der britische Historiker A. J. P. Taylor überliefert dazu eine Anekdote. Victor Adler, Gründervater der österreichischen Sozialdemokratie, warnte Außenminister Leopold Berchtold vor einem Krieg, der in Russland einen Umsturz auslösen könne. Berchtold soll spöttisch gefragt haben, wer diesen denn anführen solle, etwa Herr Bronstein aus dem Café Central. Wenige Jahre später organisierte genau dieser Kaffeehausgast die Oktoberrevolution mit und gründete die Rote Armee.
Mit Kriegsausbruch 1914 verließ Trotzki Wien. Nach Lenins Tod unterlag er im Machtkampf Josef Stalin, wurde verbannt und gründete 1938 im Exil die Vierte Internationale. 1940 ermordete ihn ein sowjetischer Agent in Mexiko. Sein Erbe lebt in zahllosen Splittergruppen fort, die sich bis heute auf seine Idee der permanenten Revolution berufen.
Von Trotzki zum „Funken“
Eine dieser Strömungen geht auf den britischen Trotzkisten Ted Grant zurück. Seine Gruppe Militant wirkte jahrzehntelang innerhalb der Labour Party, nach einer Taktik, die als Entrismus bekannt ist: Man tritt einer großen Organisation bei, um sie von innen zu prägen. Aus diesem Milieu entstand 1992 jene Internationale, die ab 2004 International Marxist Tendency hieß und sich 2024 in RKI umbenannte.
In Österreich wählte der „Funke“ denselben Weg und arbeitete innerhalb der SJ, der Jugendorganisation der SPÖ. Im November 2023 zogen die Wiener Sozialdemokraten die Notbremse. Die SJ löste ihre Bezirksgruppe Alsergrund auf, nachdem sich ein Funke-Mitglied israelfeindlich zum Nahostkonflikt geäußert hatte, und warf den Trotzkisten vor, die eigenen Strukturen unterwandern zu wollen. Gegen mehrere Beteiligte wurden Ausschlussverfahren eingeleitet.
Ein Jahr später folgte der Bruch nach außen. Aus der Funke-Strömung ging im Winter 2024/25 die RKP hervor, eine selbstständige Partei mit Wahlliste, Zeitung und dem Anspruch, die Jugend direkt zu organisieren. Von den Verbrechen des Stalinismus distanziert sie sich ausdrücklich und beruft sich auf die ursprünglichen Ideen des Kommunismus.
Wien, die rote Stadt
Dass radikale Linke gerade in Wien Resonanz suchen, hat Tradition. Am 3. November 1918 entstand in der Hauptstadt die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ). In der Ersten Republik blieb sie allerdings bedeutungslos und errang kein einziges Mandat. Das „Rote Wien“ der Zwischenkriegszeit mit seinen Gemeindebauten war ein Projekt der Sozialdemokratie.
REVOLUTION - die RKP macht gezielt Front gegen das bestehende System. Foto: Chris Ernst, Redaktionsnetzwerk PR1, Wien
Ihre große Stunde schlug im Widerstand. Nach dem Verbot 1933 und erneut nach dem Anschluss 1938 kämpften Kommunisten im Untergrund, mehr als 2.000 von ihnen bezahlten dafür mit dem Leben. 1945 saß die KPÖ mit sieben Mitgliedern in der provisorischen Regierung Karl Renners, Johann Koplenig wurde Vizekanzler. Bei der ersten Nationalratswahl kam sie jedoch nur auf 5,4 Prozent, 1959 flog sie aus dem Parlament.
In jüngster Zeit erlebt die Partei eine Renaissance, allerdings mit einem anderen Gesicht. In Graz stellt die KPÖ seit 2021 mit Elke Kahr die Bürgermeisterin, in Salzburg zog sie 2023 mit 11,7 Prozent in den Landtag ein. Diese Erfolge verdankt sie vor allem einer pragmatischen Sozialpolitik rund ums Wohnen. In Wien blieb sie bei der Gemeinderatswahl 2025, gemeinsam mit der Liste LINKS, mit rund vier von hundert Stimmen unter der Hürde für den Einzug.
Die Berliner Blaupause
Die Verbindung von Kopftuch, Palästina und Klassenkampf folgt einem Muster, das in Berlin bereits über Mehrheiten entscheidet. Bei der Bundestagswahl 2025 wurde die Linke nach Daten der Forschungsgruppe Wahlen mit 29 Prozent stärkste Kraft unter muslimischen Wählern. Beobachter sehen ihren israelkritischen, palästinasolidarischen Kurs als ausschlaggebend. In Neukölln gewann Ferat Koçak als erster Politiker seiner Partei außerhalb Ostdeutschlands ein Direktmandat.
Bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl am 20. September 2026 kam die Partei auf historische 26 Prozent. Fast jeder zweite unter 30-Jährige stimmte für sie. In Neukölln holte die Direktkandidatin Vanessa Emde 46 von hundert Stimmen, auf den Plakaten des pro-palästinensischen Bezirksverbands stand „Gegen Krieg und Genozid“. Begleitet wurde der Erfolg von Antisemitismusvorwürfen. Sie wirken bis in die Koalitionsverhandlungen mit der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) und den Grünen nach. Schon im Oktober 2024 hatten prominente Berliner Linke wie der frühere Kultursenator Klaus Lederer die Partei im Streit um den Umgang mit Antisemitismus verlassen.
Die RKP kopiert dieses Rezept im Kleinformat. Sie gibt sich ausdrücklich antiimperialistisch und pro-palästinensisch, rund um ihre Fahnen prägten Palästinensertücher das Bild der Demo. Mit dem Kampf gegen das Kopftuchverbot spricht sie gezielt muslimische Schüler und deren Familien an. So entsteht eine Allianz aus radikal linker Ideologie, Palästina-Solidarität und migrantischer Identitätspolitik, deren Ziel weit jenseits der Hochschulfinanzierung liegt.
Zwei Botschaften auf einer Straße
Wien ist links und war es immer. Seit 1945 regiert die SPÖ die Stadt, und das Erbe des Roten Wien prägt bis heute ihr Selbstverständnis. Neu ist die Tonlage am äußersten Rand. Die KPÖ punktet in Graz und Salzburg mit Mietberatung, die RKP spricht offen von Revolution, baut Komitees an Schulen auf und erklärt die Universitäten zu Hochburgen.
#UnisRetten - die gesamte Groß-Kundgebung richtete sich gegen die geplanten Kürzungen im Etat der Universitäten. Foto: Chris Ernst, Redaktionsnetzwerk PR1, Wien
Den Tausenden Studenten, Dozenten und Uni-Mitarbeitern ging es am Donnerstag um Hörsäle, Stellen und Forschungsgelder. Die RKP verfolgte ein anderes Programm und nutzte deren Protest als Kulisse. Für die ÖH entsteht daraus ein Dilemma: Je größer eine Kundgebung, desto attraktiver wird sie für Trittbrettfahrer.
Die Kritik am Sparkurs bleibt berechtigt. Sie verdient eine Bühne, auf der sie für sich selbst spricht.

