WIENER PRATER - Wo einst Zehntausende zu den mondänen Renntagen in den Prater pilgerten, sind es heute oft nur noch ein paar hundert Eingeweihte, die zwischen denkmalgeschützten Jugendstiltribünen auf den nächsten Zieleinlauf warten. Die Krieau ist ein Relikt vergangener Gesellschaftskultur – und zugleich ein Pflichttermin für alle, die den Prater jenseits von Riesenrad und Achterbahnen verstehen wollen.
Trabrennbahn Krieau - Morbider Charme einer legendären Ikone in Wien - Foto: Chris Ernst, PR1 Redaktionsnetzwerk
1874 bis heute: Von der kaiserlichen Gründung zum Verkauf an Investoren
Am 10. April 1874 gründeten Pferdefreunde im Hotel Tauber auf der Praterstraße den Wiener Trabrenn-Verein, vier Jahre später, am 29. September 1878, eröffnete die eigentliche Rennanlage in der Krieau – nach dem Moskauer Hippodrom die zweitälteste ununterbrochen betriebene Trabrennbahn der Welt. In den 1930er-Jahren kamen an manchen Wochen gleich zweimal Zehntausende Zuschauerinnen und Zuschauer in den Prater, die Krieau zählte zu den gesellschaftlichen Fixpunkten der Stadt. Dieser Glanz ist heute Geschichte: 2007 verkaufte die Stadt Wien das umliegende Areal an einen privaten Immobilienentwickler, 2018 folgte schließlich auch die Rennbahn selbst in private Hände. Das daraus entstandene Büro- und Wohnquartier „Viertel Zwei“ überragt heute die historische Anlage bei Weitem. Die vollständige Chronik von der Gründung bis zur Gegenwart dokumentiert die offizielle Geschichtsseite des Wiener Trabrennvereins, eine unabhängige historische Einordnung liefert das Wien Geschichte Wiki.
Trabrennbahn Krieau, Wien: spannende Rennen vor denkmal-geschützter Kulisse - Foto: Chris Ernst, Redaktionsnetzwerk PR1, Wien
Vom Massenpublikum zur PMU-Übertragung: Das Kerngeschäft hat sich verlagert
Wer heute an einem Renntag die Krieau besucht, erlebt ein deutlich kleineres Format als zu den Hochzeiten des Sports: An guten Tagen zählt die Anlage bis zu 3.000 Besucherinnen und Besucher, an schwächeren sind es gerade einmal 500. Der Eintritt liegt bei moderaten fünf Euro, rund 25 Renntage mit insgesamt etwa 250 Einzelrennen finden pro Jahr statt – eine im Vergleich zur Vorkriegszeit stark reduzierte Taktung. Wirtschaftlich trägt sich der Betrieb mittlerweile vor allem über eine Kooperation mit dem französischen Wettanbieter PMU (Pari Mutuel Urbain), in deren Rahmen mehrere Renntage pro Jahr live über den Pferderennsportkanal Equidia in die ganze Welt übertragen werden. Das klassische Vor-Ort-Wettgeschäft der Wiener Zuschauerinnen und Zuschauer ist damit längst nicht mehr das eigentliche Kerngeschäft der Anlage – stattdessen generiert der internationale Wettumsatz auf französische Übertragungen den Großteil der Einnahmen. Eine atmosphärische Reportage über den Alltag an der Bande liefert der Bericht von Zwischenbrücken.
Bewertung: Ein Pflichttermin mit ungewisser Zukunft
Dass sich die Krieau trotz des radikalen Bedeutungsverlusts bis heute hält, verdankt sich vor allem jener eigentümlichen Mischung aus Nostalgie und architektonischer Substanz, die den Ort auszeichnet: Die denkmalgeschützten Jugendstiltribünen aus dem Jahr 1913, von denen heute nur noch eine tatsächlich in Betrieb ist, erzählen unmittelbar von jener Epoche, in der Wien sportlich und gesellschaftlich auf Augenhöhe mit den großen europäischen Rennsport-Metropolen stand. Für Besucherinnen und Besucher, die den Prater nicht nur als Vergnügungspark, sondern als vielschichtigen historischen Raum erleben wollen, bleibt die Krieau daher unverzichtbar – ein morbider, aber lebendiger Gegenentwurf zum durchkommerzialisierten Wurstelprater nebenan. Wie lange sich dieser Zustand noch halten lässt, bleibt allerdings offen: Da der neue Eigentümer bislang keine konkreten Bebauungspläne für das Rennbahnareal selbst verfolgt, hängt die Zukunft der Anlage maßgeblich davon ab, ob der Trabrennverein seine Nutzung langfristig fortsetzen kann oder eine Flächenumwidmung irgendwann doch zur Bebauung führt. Hintergründe zur ungeklärten Eigentumssituation liefert der ORF-Bericht zur Zukunft der Trabrennbahn.

