Kaum ein Wiener Baumeister verkörpert den Zwiespalt zwischen schöpferischer Vision und öffentlicher Demütigung so eindringlich wie Eduard van der Nüll. In Favoriten erinnern eine Gasse und ein Mosaik an den Mann, dessen Lebenswerk mit dem Prater begann und am Strick in der Windmühlgasse endete.
1812 bis 1868: Ein Leben zwischen Aufstieg und Abgrund
Getauft am 9. Jänner 1812 in Wien, durchlief Eduard van der Nüll eine Ausbildung an der Akademie der bildenden Künste unter Lehrmeistern wie Peter von Nobile und Karl Rösner. Bereits früh traf ihn familiäres Unglück: Sein Vater nahm sich das Leben, als Eduard erst dreizehn Jahre alt war – ein Schicksalsschlag, der laut Biografen zu den möglichen Ursachen seiner späteren Depressionen zählte. Beruflich verlief sein Weg zunächst steil: 1843 erhielt er gemeinsam mit seinem späteren Partner August Sicard von Sicardsburg eine Professur an der Akademie, 1861 schließlich den prestigeträchtigsten Auftrag der Monarchie – den Bau der Wiener Hofoper, des ersten Monumentalbaus der neuen Ringstraße. Am 4. April 1868 erhängte sich van der Nüll in seiner Wohnung in der Windmühlgasse, schwer krank und von öffentlicher Häme zermürbt. Eine ausführliche Biografie mit Quellenverweisen führt das Architektenlexikon Wien, die amtliche Dokumentation seines Lebens liefert das Wien Geschichte Wiki.
Vom Schweizerhaus zur „versunkenen Kiste“: Ein Werdegang in zwei Bauwerken
Van der Nülls erstes bedeutendes Projekt entstand bereits in den frühen 1840er-Jahren, lange vor seinem Opernhaus-Triumph: Im Wiener Prater errichtete der junge Architekt für eine bestehende Gastwirtschaft ein neues Ausschankgebäude im damals beliebten Stil eines Schweizerhauses – jenes Bauwerk, das der heute weltberühmten Institution am Prater 116 ihren Namen gab und bis zu seiner Zerstörung in den Kämpfen um den Prater im April 1945 bestand. Fünfundzwanzig Jahre später übernahm derselbe Architekt gemeinsam mit Sicardsburg den Bau der Hofoper, jenes Gebäude, das durch die nachträgliche Anhebung des Straßenniveaus am Ring seine ursprünglichen Proportionen verlor und von den Wienerinnen und Wienern spöttisch als „versunkene Kiste“ verunglimpft wurde. Selbst Kaiser Franz Joseph soll sich kritisch geäußert haben – eine Demütigung, der van der Nüll, bereits von Krankheit gezeichnet, nicht mehr standhielt. Die Baugeschichte der Oper und die Kontroversen um ihre Proportionen schildert die Chronik der Wiener Staatsoper.
Das Erbe in Favoriten: Straßenname und Mosaik als späte Würdigung
Ironischerweise erlebte van der Nüll den eigentlichen Triumph seines Lebenswerks nicht mehr: Als die Hofoper 1869 eröffnet wurde und das Wiener Publikum angesichts der prächtigen Innenräume und des vollendeten Stiegenhauses in helle Begeisterung ausbrach, war der Architekt bereits ein Jahr tot. Die Stadt Wien würdigte ihn postum mit der Benennung der Van-der-Nüll-Gasse im zehnten Bezirk im Jahr 1875 – ebenso wie seinen Partner Sicardsburg, nach dem die parallel verlaufende Siccardsburggasse benannt wurde. An der Kreuzung Van-der-Nüll-Gasse/Davidgasse in Favoriten erinnert heute ein Mosaik an den tragischen Baumeister, dessen künstlerisches Erbe – vom Schweizerhaus über die Oper bis zum Haas-Haus – zu den prägendsten Kapiteln der Wiener Ringstraßenära zählt. Sein Schicksal zeigt, wie schmal der Grat zwischen architektonischer Vision und öffentlicher Vernichtung im Wien des 19. Jahrhunderts verlief. Eine Übersicht über sämtliche nach ihm benannten Örtlichkeiten und deren historischen Hintergrund bietet die Liste der Straßennamen von Wien-Favoriten.

