Breiter als nötig: Favoritens überdimensionierte Radwege als Mahnmal verfehlter Verkehrspolitik

In der Neilreichgasse und entlang der Quellenstraße in Favoriten hat die Stadt Wien Radwege angelegt, die selbst in Amsterdam als Fahrrad-Autobahn durchgehen würden. Das Problem: Es fehlen die Radfahrerinnen und Radfahrer, die diese Dimension rechtfertigen würden.

Der Ausbau: Millionenprojekt für ein Nischenverkehrsmittel

Im Juni 2026 erfolgte der Baustart für den neuen Zweirichtungsradweg in der Neilreichgasse, der auf 550 Metern von der Gudrunstraße bis zur Davidgasse einen baulich getrennten, breiten Streifen schafft und das Projekt bis in die Quellenstraße hinein anbindet. Der Gemeinderat hatte dafür zuvor 7,01 Millionen Euro bewilligt. Die Dimension der Anlage steht in eklatantem Missverhältnis zur tatsächlichen Nutzung des Fahrrads als Verkehrsmittel in Wien: Laut der jüngsten städtischen Mobilitätserhebung liegt der Radverkehrsanteil am Gesamtverkehr der Stadt bei 10,5 Prozent – in Amsterdam, der europäischen Referenzstadt für Fahrradmobilität, bewegt sich dieser Anteil hingegen bei rund 30 Prozent des innerstädtischen Verkehrs. Während Amsterdam seine breiten Radwege also mit einem Vielfachen an tatsächlichem Aufkommen füllt, bleibt die Neilreichgasse eine überdimensionierte Fläche für einen Bruchteil der Nutzerzahlen. Die Rohdaten zum Wiener Modal Split liefert die Erhebung von Fahrrad Wien, die vergleichende Einordnung der europäischen Fahrradstädte liefert die Analyse von Zukunft Mobilität.

Vor Ort: Parkplätze weichen, Pizzaboten bleiben

Konkret bedeutet der Ausbau den Wegfall von Parkraum entlang der betroffenen Straßenzüge, um Platz für den baulich getrennten, beidseitig breit angelegten Radstreifen zu schaffen. Wer zu unterschiedlichen Tageszeiten entlang der Neilreichgasse und der Quellenstraße unterwegs ist, trifft auf einen Asphaltstreifen, der über weite Strecken verwaist liegt – vereinzelte Lieferfahrer auf dem Weg zum nächsten Auftrag sind häufig die einzigen Nutzerinnen und Nutzer, die sich auf der breiten Fläche bewegen. Der Kontrast zur stadtplanerischen Ambition, hier eine zentrale Nord-Süd-Hauptverbindung im Wiener Radwegenetz zu schaffen, könnte größer kaum ausfallen: Die Infrastruktur ist für ein Mobilitätsverhalten dimensioniert, das in Favoriten bislang nicht eingetreten ist. Details zur Netzplanung und der zugewiesenen Priorität der Strecke finden sich in der öffentlich einsehbaren Anfrage der Bezirkspolitik zur Hauptradwegverbindung Neilreichgasse.

Bewertung: Ein Alibiprojekt mit Signalwirkung statt Wirkung in der Fläche

Die Rechnung, die sich aus den vorliegenden Zahlen ergibt, fällt eindeutig aus: Ein Radverkehrsanteil von knapp über zehn Prozent in ganz Wien rechtfertigt keine Radwege, die in ihrer Breite an niederländische Vorbilder erinnern, deren Fahrradanteil dreimal so hoch liegt. Was als Fortschrittssymbol gedacht war, gerät in der Praxis zum Mahnmal einer Verkehrspolitik, die Infrastruktur vor Nachfrage stellt und politische Symbolik über tatsächliche Verkehrsströme setzt. Parkplätze, die echten Nutzungsdruck erfahren, weichen einer Fläche, die über weite Tagesabschnitte brachliegt. Der Vergleich mit der Realität auf Wiens Straßen, dokumentiert in der laufenden Mobilitätserhebung der Stadt, offenbart die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit besonders deutlich: Einen Überblick über die Entwicklung des Radverkehrsanteils in Wien seit 1993 liefert die Auswertung von Wiener Stadtwerke Positionen.

Chris Ernst

Chris Ernst, freier Journalist und Publizist zwischen Wien, Hamburg und Madrid. Mitglied im Österreichischen Journalisten Club (ÖJC). Seit 1995 im Journalismus, mit den Schwerpunkten Politik, Tourismus, Wirtschaft, Identität und Sicherheit.

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